Tief graben
Von Donna Lynas
Es gibt viele wichtige Gebäude, die zu Londons langjähriger Geschichte beitragen. Einige sind zu Symbolen, ja zu Monumenten geworden, die man in der ganzen Welt erkennt: die Houses of Parliament und Big Ben, St. Paul's Cathedral usw. Die meisten von uns wissen, dass selbst die alltäglichsten Gebäude eine faszinierende Geschichte haben können, aber nur wenige nehmen sich die Zeit, diese Geschichte zu erforschen. Thomas Kilpper ist einer von ihnen.
Der in Stuttgart geborene Kilpper kam im Frühjahr 1999 nach London. Er hatte gerade ein Projekt in einer Turnhalle im ehemaligen US-Militärlager Camp King in Oberursel bei Frankfurt abgeschlossen. Bei diesem Projekt hatte er Szenen aus der Geschichte des Militärlagers wie auch Szenen aus seiner eigenen Biografie direkt in den Holzfußboden geschnitzt. Kilpper verfolgte das Ziel, in London ein Gebäude zu finden, in dem er ein ähnliches Projekt verwirklichen konnte. Es zog ihn spontan zum Stadtteil Southwark hin, vor allem weil dieses etwas heruntergekommene Gebiet seit einiger Zeit aufwendig saniert wird. Im Zuge dieses Sanierungsprozesses sind zum Beispiel einige bedeutende öffentliche Gebäude umgestaltet beziehungsweise neu gebaut worden: die Tate Modern, Shakespeares Globe Theatre, die neue Bibliothek in Peckham. Kilpper erforschte systematisch verlassene Gebäude in Southwark und entdeckte schließlich Orbit House, ein unscheinbares Bürohochhaus aus den fünfziger Jahren. Orbit House und Camp King haben wichtige Merkmale gemeinsam. Beide Gebäude wurden im Auftrag der Regierung für geheime, ja ominöse Zwecke errichtet, und die allgemeine Öffentlichkeit hatte nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Zugang zu ihnen. Kilpper enthüllte die verborgene Geschichte der beiden Orte, indem er Holzschnitte realisierte, die er zu einem festen Bestandteil des jeweiligen Gebäudes machte. Die Geschichte des Orbit House wurde auf besonders dramatische Weise enthüllt, als Kilpper - für alle sichtbar - einen riesigen Stoffabdruck seines Holzschnitts an die Fassade des Gebäudes hängte.
Kilppers Herangehensweise ist die eines Künstlers. Er ist definitiv kein Sozialhistoriker. Denn er gräbt nicht nur die Lebensgeschichten lange vergessener Personen aus, sondern integriert auch Elemente seiner eigenen Biografie in das sich immer weiter ausdehnende Werk: persönliche Interessen, Freunde und Bekannte, politische Überzeugungen. Dieser Prozess vollzieht sich parallel zu Kilppers physischen Interventionen in den Raum. Er schnitzt Szenen aus den von ihm aufgedeckten Geschichten direkt in den Parkettboden und greift dadurch in die Substanz des Gebäudes selbst ein. Das vollendete Werke ist groß, sehr groß, im Falle des Orbit House 400 qm, das Resultat monatelanger, anstrengender Arbeit.
Die Erkundung des Orbit House begann damit, dass Kilpper entdeckte, dass sich an diesem Ort ein bekannter Boxring - Der Ring (The Ring) - befand. Der Inhaber der Kneipe auf der gegenüberliegenden Straßenseite erzählte ihm vom Aufstieg und Fall des Rings. Immer neue Fakten kamen zum Vorschein, immer mehr Personen traten auf den Plan, deren Porträts dann in den Fußboden des Orbit House geschnitzt wurden. In dem Maße, in dem Kilpper neue Kontakte knüpfte und auf neue Geschichten und Querverbindungen stieß, breitete sich auch sein Holzschnitt immer weiter aus. Es ist ihm gelungen, eine wahrhaft atemberaubende Fülle von Einzelinformationen zu verarbeiten. Er fand heraus, dass das Gebäude, in dem sich der Boxring befand, ursprünglich eine oktagonale Kapelle aus dem 18. Jahrhundert war. Diese Kapelle barg ihrerseits zahlreiche interessante Geschichten, die gleichfalls in Kilppers Arbeit veranschaulicht werden. Das Gebäude wurde während des Blitzkriegs von der Luftwaffe bombardiert und zerstört. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass anschließend das Verteidigungsministerium das Orbit House erbauen ließ und dort eine geheime Druckerei einrichtete. Später übernahm die British Library das Gebäude und brachte hier ihre Orient-abteilung unter.
Kilpper erweckt reale Menschen zu neuem Leben, Menschen, die wirklich existierten und in der Geschichte jenes kleinen Teils von London eine Rolle spielten. Seine Arbeit führt vor Augen, dass wir jederzeit die Möglichkeit haben, das riesige Potenzial der Vergangenheit zu erforschen - wir müssen es nur wollen. Wenn man Kilppers Werk betrachtet, ist das so ähnlich, wie wenn man mit älteren Familienmitgliedern darüber redet, wie es früher war, in jener Zeit, die unwiederbringlich vorüber ist. Es könnte furchtbar traurig sein, sich klar zu machen, dass all jene Menschen, die ein ebenso erfülltes Leben geführt haben, wie wir es heute tun, nach ihrem Tod in Vergessenheit geraten sind. Doch Kilppers Arbeit hat eine überwältigend positive Ausstrahlung. Indem er Geschichten erzählt, die unsere Umwelt lebendig werden lassen, bringt er uns dazu, darüber nachzudenken, wie oft wir diese Umwelt übersehen. Er macht uns bewusst, dass wir in kontinuierlicher Verbindung zur Vergangenheit stehen und jeder von uns einen eigenen Beitrag zur Geschichte leistet. Die Vergangenheit lebt, es geht ihr gut, und man begegnet ihr manchmal an den seltsamsten Orten.
Donna Lynas
Kuratorin, South London Gallery
Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Honrath
Thomas Kilpper nahm Kontakt zur South London Gallery auf, um Unterstützung für sein Anliegen zu finden, die Arbeit im Orbit House der Öffentlichkeit zu zeigen. Wir waren gern bereit, dieses Vorhaben im Rahmen unserer SLG Projekte zu verwirklichen, einem Programm, das uns die Möglichkeit bietet, auch außerhalb der Galerie Kunstprojekte zu initiieren und Ausstellungen zu organisieren. Die Ausstellung Der Ring lief vom 11. bis zum 26. März 2000. Die Zukunft von Kilppers Arbeit im Orbit House ist ungewiss. Das Gebäude - und damit auch Kilppers Werk - wird sehr wahrscheinlich abgerissen. Alsop und Störmer, die Architekten des geplanten Neubaus, haben vorgeschlagen, die Arbeit in das neue Gebäude zu integrieren, aber die Eigentümer des Orbit House zögern noch, dem zuzustimmen. Ein Teil des Holzschnitts bleibt aber auf jeden Fall erhalten. Er ist zusammen mit einigen Drucken für die Sammlung der Tate Modern angekauft worden. (D.L.)