Mao in Neon
"London Knocks" von Thomas Kilpper
Von Silke Hohmann
Wer Madonna, Andreas Baader, Hitler, einen unbekannten Londoner und Muhammad Ali unter völliger Gleichbehandlung nebeneinander hängt, braucht dafür einen guten Grund. Er muss nachweisen, dass es eine Verbindung gibt, die Diktator und Bürger, Popstar und Revolutionär gleich macht. Er muss die Geschichte erzählen, die sich zwischen ihnen abgespielt hat, damit daraus eine Information wird und die Aneinanderreihung ihrer Abbilder nicht beliebig bleibt.
Thomas Kilpper hat seine Protagonisten auf Stoffbahnen gedruckt und in der Schulstraße 1A auf einer Wäscheleine aufgereiht. Da wehen sie sanft hin und her, doch ihre gemeinsame Geschichte erzählt sich nicht von selbst. Die Ausstellung London Knocks kommt ohne gewisse Mitteilungen nicht aus, aber die sind sehr spannend: Alle Fäden laufen im wenig prominenten Londoner Stadtteil Southwark zusammen, und dort hat auch die derzeit ausgestellte Arbeit des 1956 geborenen Kilpper ihren Ursprung. Das hätte dem unscheinbaren Bürokomplex Orbit House keiner zugetraut: Eine berühmte Boxarena namens The Ring befand sich in dem Fünfziger-Jahre-Bau vor dem Krieg, noch früher eine achteckige Kapelle aus dem 18. Jahrhundert, und eines der ersten Kinos in London. In der Nachkriegszeit richtete das Verteidigungsministerium dann eine geheime Druckerei ein, und spätestens an diesem Punkt seiner Recherchen muss Kilpper gewusst haben, dass er im Orbit House an der richtigen Adresse ist. Hatte er doch kurz zuvor auf dem Fußboden der Turnhalle des ehemaligen US-Militärlagers Camp King in Oberursel einen gigantischen Holzdruck fertiggestellt und war auf der Suche nach einem ähnlich geeigneten Gebäude in London. Im zehnten Stock stellte man ihm 400 Quadratmeter Mahagoniparkett zur Verfügung. Doch der ehemalige Städelschüler beutete das zum Abriss vorgesehene Gebäude nicht einfach aus.
Mit den in den Fußboden geschnitzten Portraits vermachte er dem Haus ein Archiv seiner Geschichte. Denn die von ihm eingravierten Personen haben hier direkt oder indirekt Station gemacht. Shakespeare, indem er Stücke schrieb, die hier aufgeführt wurden. Hitler, indem er The Ring zwei Mal bombardieren ließ. Kilppers britischer Nachbar Henry Abraham, weil er als junger Mann hier Boxkämpfe ansah. Alfred Hitehcock, weil er hier 1928 seinen Film The Ring drehte. Und Richard Wagner, weil er eben auch einen Ring komponierte, wenn auch den des Nibelungen. Das Gespinst von Kilppers Verweisen ist dabei keiner Wissenschaftlichkeit verpflichtet, schließlich ist er Künstler und nicht Historiker.
Die Abdrucke seines monumentalen Bodenbildes füllen die Galerie in der Schulstraße wie eine Raumskulptur. Unter den Orbit-House-Gesichtern finden sich immer wieder Konterfeis, die so bekannt sind, dass sie mittlerweile selbst zum Zeichen geworden sind. Sie sind die prominenten Akteure des Ring, und trotzdem sind sie nur Stellvertreter für etwas anderes, nicht so leicht Abzubildendes. Marlene Dietrich oder Benno Ohnesorg und die junge Frau, die dem Sterbenden den Kopf hält, sind da auf löchriges Tuch gedruckt. Auch für Kate Moss oder Mao auf Neon gibt es keinen ersichtlichen Grund. Außer dem, dass Kilpper es ist, der hier die Geschichten erzählt. Besserwisserei gilt nicht, denn wer sollte es besser wissen? So hat es auch mit der Darstellung einer riesigen, aber auf grellbuntem Stoff fast nicht zu erkennenden Vagina samt daran herumfummelnder Hand sicher seine Bewandtnis - und sei es nur als kleiner, weitgehend unbemerkter Scherz bei so viel Andacht im Angesicht der Geschichte.
De Ligt, Schulstraße 1A, bis 1. Oktober.
(Frankfurter Rundschau vom 21.09.2000)