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 happy together | frankfurt-preungesheim | 1998-2000



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Happy Together

Projekt im Knast Frankfurt-Preungesheim, 1998-2000
Vom Justizministerium nicht genehmigt.

Ich hatte die Absicht, im leerstehenden Männergefängnis Frankfurt-Preungesheim, JVA I, eine künstlerische Arbeit durchzuführen. Ich plante einen physischen Eingriff, der mehrere Wochen in Anspruch genommen hätte. Im Anschluß daran sollte das Ergebnis als Ausstellung vor Ort präsentiert werden. Dieses Projekt wäre in vielerlei Hinsicht zur Herausforderung für mich geworden. Ich wollte an diesem durch und durch feindlichen Ort arbeiten, den ich aus eigener Erfahrung kenne und der aufgeladen ist mit Aggression und Gewalt wie kaum ein zweiter. Gefängnis: der Ort systematisierter Entsozialisierung und Deprivation. In dieses System wollte ich so massiv wie möglich eingreifen – einschneiden in die Stahltüren, die Zellenwände und -böden, Bilder und Texte herstellen, die mit dem ganzen Komplex staatlichen Strafens im Zusammenhang stehen. Daneben sah mein Entwurf eine Arbeit im Außenraum vor: auf dem Dach wollte ich die Worte „happy together“ anbringen. Gleichsam einem Werbeslogan oder Konzernlogo sollten sie weithin sichtbar auf diesen Ort aufmerksam machen. Ein Hinweis, daß staatliches Strafen in früheren Zeiten – in zahlreichen Ländern ist es heute noch so – vor allem ein öffentlicher Akt war. So wie Strafe – und insbesondere der Freiheitsentzug – hier und heute praktiziert wird, findet sie vorwiegend hinter hohen Mauern, quasi im Verborgenen statt.

Im Oktober 1998 stellte ich dem damaligen Hessischen Justizminister Rupert von Plottnitz (die Grünen) mein Konzept schriftlich vor und bat um eine Genehmigung. Ich erhielt dabei Unterstützung sowohl von Kasper König, dem damaligen Rektor der Städelschule, als auch von Claudia Scholtz, der Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung. Doch außer einer Ortsbesichtigung in Begleitung des ehemaligen Gefängnisleiters und eines Angestellten aus dem Justizministerium konnte ich nichts erreichen. Die Begründung lautete: über den Abriss sei noch nicht entschieden. Mir kam dies wie ein Vorwand und nicht wie ein einleuchtender Grund für eine generelle Ablehnung vor, denn ich hatte von Anfang an deutlich gemacht, gegebenenfalls auf Eingriffe in die Gebäude-Substanz zu verzichten und lediglich mit Video, Fotografie und Linolschnitt zu arbeiten. Es wurde mir „anheimgestellt”, mich bei veränderter Sachlage erneut an das Ministerium zu wenden.

Im Mai 2000 erfuhr ich aus der Presse, daß die Entscheidung zum Abriß gefallen war. Ich schrieb erneut an das Justizministerium – inzwischen Teil der CDU-geführten Landesregierung. Aufgrund deren konservativer Ausrichtung waren meine Erwartungen nicht sehr groß. Wie zur Bestätigung erhielt ich rasch eine erneute Absage, nun mit der Begründung, daß die Abrißarbeiten „in Kürze beginnen werden“. Faktisch hat es noch über 6 Monate gedauert, bis die Bagger anrückten.

Rot-grüne Regierung hin, schwarz-gelbe her – ein künstlerischer Eingriff in einem ehemaligen Gefängnis ist bei der Hessischen Justiz unerwünscht. Ob es der zu befürchtende öffentliche Blick hinter die Gefängnismauern und Zellentüren oder meine kritische Haltung gegenüber Strafvollzug und Staat war, die für die Ablehnung ausschlaggebend waren, sei dahingestellt. In jedem Fall ist es ein kulturelles Armutszeugnis.

Die Entscheidung zur Schließung und zum Abriß dieses Monstrums mag durch den Besuch von Vertretern der UN-Menschenrechts-Kommission beeinflußt worden zu sein. Sie hatten hier „menschenunwürdige Haftbedingungen“ festgestellt. Ein Abrücken von der Politik des Kriminalisierens und Wegsperrens signalisiert sie jedenfalls nicht, denn die nächsten Knastbauten sind bereits geplant, die Fundamente schon ausgehoben, damit in Hessen mehr Gefangene als je zuvor hinter hohen Mauern, möglichst unbemerkt von der Öffentlichkeit, gefangengehalten werden können. So kommt zum kulturellen das passende politische Armutszeugnis hinzu. Das macht die Sache zwar nicht besser, aber immerhin rund.

Thomas Kilpper
Januar 2001

HAPPY TOGETHER
[Arbeitstitel für eine Künstlerische Arbeit in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt I (JVA I) Frankfurt – Preungesheim]

Ich möchte mit meiner Arbeit auf diesen Ort, seine Funktion und konkrete Beschaffenheit formal und inhaltlich eingehen. Ich möchte in einem physischen Arbeitsprozess Bilder, die im Kontext dieses Ortes stehen, Bilder zu der Thematik „Strafe und Disziplinierung – Aggression und Verbrechen – Macht und Ohnmacht – Freiheit und Gefangenschaft“ in den Boden, die Wände und (Zellen-)Türen schneiden und meisseln. Ich würde gerne sowohl mit meiner Körperkraft als auch mit Hilfe von Maschinen wie Oberfräse, Flex / Trennschneider u.ä. durchführen. Die Arbeit würde sich auf eines der Stockwerke im Zellentrakt erstrecken. Auf der Bodenfläche könnte so einer der größten je geschaffenen „Linolschnitte“ entstehen. Der durchgängige ca. 4mm starke Kunststoffbelag scheint mir dafür gut geeignet zu sein. Die verschiedenen Motive würde ich anschließend einschwärzen und auf Stoff oder Papier abdrucken.

Einen Teil der Arbeit will ich dem Rückblick in die Geschichte des Strafens (bis zur „Geburt des Gefängnisses“) widmen.
Ein anderer Teil wäre, signigikante Äußerungen der Inhaftierten (Wandzeichnungen, Comics, Sprüche, Zeitungsartikel, etc...) in dem Gebäude systematisch zu suchen und zu photografieren und in die Arbeit einfließen zu lassen.
Ein dritter Aspekt wäre, meine subjektiven Erfahrungen (Stichwort: „Was habe ich mit dem ganzen zu tun?“) darin einzuflechten.

Dieses Projekt würde in mehrerer Hinsicht die konkrete Weiterentwicklung meiner letzten Arbeit im ehemaligen US-Militärlager Camp King in Oberursel bedeuten. Hier entstand ein riesenhafter Holzschnitt, für den die Verbindung „offizieller“ mit persönlicher Geschichte einen wesentlichen Ausgangspunkt darstellte.

Künstlerisch-technisch betrachtet, möchte ich also im wesentlichen vorgefundene Substanz „wegnehemen“ und so den Ort und Raum neu definieren. Ich praktiziere damit also das klassische bildhauerische Vorgehen schlechthin.

Ergänzend / Parallel zu dieser Arbeit im Inneren des Gebäudes möchte ich mit der Fassade und somit der Wirkung in den Außenraum arbeiten.
Die Idee ist, einen Text in großen Buchstaben um das oberste Stockwerk herumlaufen zu lassen. Z.B. „happy together“ (Rückseite), „feel me, touch me, kiss me, hurt me“ (Vorderseite zur Kreuzäckerstraße hin). Das Gebäude wird so zum unmittelbaren Bild- und Sinnträger. (Der genaue Text muß noch erarbeitet werden.)

Der Gedanke, einen Teil der Arbeit auch in den Außenraum zu orientieren, hat einen geschichtlichen Hintergrund. Strafen war in früheren Zeiten – in manchen Ländern ist es das heute noch – vor allem ein öffentlicher Akt. So wie die Strafe, insbesondere der Freiheitsentzug, hier und heute strukturiert ist, findet sie im wesentlichen hinter den Mauern, quasi im Verborgenen, statt. Dieser Teil meiner Arbeit – mit der Wirkung in den öffentlichen Raum hinein – wäre sozusagen ein Verweis auf diese Geschichte und den öffentlichen Charakter und Anspruch des Bestrafens.
Neben den hier angerissenen gibt es noch andere alternative Projektideen. Meine Präferenzen gelten aber eindeutig den hier entwickelten Vorstellungen.

Zur Realisierung:
Mein Wunsch wäre, die Arbeit im kommenden Frühjahr (März) zu beginnen. (Die Photodokumentation der Einritzungen in den Zellenwänden würde ich gerne eher erstellen, um mit den Vorbereitungen – wie z.B. die Auswahl der Motive – anfangen zu können.) Die Ermöglichung einer Ausstellung nach Fertigstellung der Arbeit an Ort und Stelle wäre natürlich sehr wünschenswert.

Meine Vorstellung ist, neben der Arbeit auf der Fassade, im Inneren des Gebäudes sowohl den Druckstock (das sog. „Negativ“) als auch die Drucke (also das „Positiv“) zu zeigen. Anhand der auf Wäscheleinen aufgehängten Drucke würde der Raum auf neue, künstlerische Art strukturiert und gegliedert.

Thomas Kilpper
Frankfurt/Main
November 1998



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